30.07.2011 Swissalpine K78
Ich laufe den Swissalpine K78! Diese Entscheidung fiel ich 4 Tage vor dem Rennen. Werde ich das wohl schaffen? Wie sehr werde ich leiden? Solche Fragen schiessen mir durch den Kopf. Der Swissalpine passt eigentlich nicht in meinem Rennkalender. Mein diesjähriges Ziel war eindeutig der Zermatt-Ultramarathon. Und 3 Wochen nach dem Zermatt-Ultra noch den Swissalpine, das hätte ich mir nie erdacht.
So viel trainiert wie dieses Jahr hatte ich noch nie, und wer weiss ob ich in den nächsten Jahren so viel trainieren kann oder will. Wenn ich es dieses Jahr nicht schaffe, wann dann. Die schnelle Genesung nach dem Zermatt-Ultramarathon war auch ein Grund am Swissalpine teilzunehmen.
Um 03:45 Uhr holen mich Ciril und seine Töchtern Bettina und Adriana ab. Gemeinsam fahren wir nach Davos, wo wir um 05:30 ankommen. Es ist noch relativ ruhig. Wir holen unsere Startnummer ab und haben noch genügend Zeit für ein Kaffee. Nach dem Umziehen im Eisstadion laufen wir noch kurz ein, bevor wir uns im Startfeld einreihen. Wir sind ziemlich spät dran und müssen uns ziemlich weit hinten eingliedern. Aus den Boxen ertönt „Conquest of Paradise“. Der Startschuss fällt, und schon geht es los. Ciril legt schon am Anfang ein Wahnsinnstempo ein und ich muss ihn nach 1km ziehen lassen. Heute geht es darum die Kräfte richtig einzuteilen und nicht alle Kräfte bereits am Anfang zu verpulvern. Wie in Zermatt will ich auch heute nach Puls laufen, wenigstens auf den ersten 30 mehr oder weniger flachen Kilometern. Meine Pulsuhr zeigt auf den ersten Kilometern eine Herzfrequenz von 175-180, was viel zu hoch ist, obwohl ich nicht so schnell laufe und ich mich gut fühle. Ich mache mir ein bisschen Sorgen. Stimmt etwas mit meiner GPS-Uhr nicht? Oder laufe ich wirklich zu schnell. Eigentlich kann ich gut einschätzen wie hoch meine Herzfrequenz ist, also vertraue ich meinem Instinkt.
Ich kenne die ersten 30 Kilometer noch vom letzten Jahr. Damals bin ich den C42 gelaufen. Dieser führt auf der gleichen Strecke bis Filisur, anschliessend noch 12 Kilometer bis Tiefencastel. Dieses Jahr gibt es jedoch von Kilometer 5-10 eine andere Streckenführung. Nach 12 Kilometern erreichen wir das Dörfchen Spina, wo uns die Zuschauer energisch anfeuern. Bis hier war die Strecke mehr oder weniger flach. Nun beginnt die erste grössere Steigung, bevor es nach Monstein und hinunter in die Zügenschlucht führt. In Wiesen (Km 25) fühle ich mich gut, der Speaker begrüsst mich hier sogar auf Rätoromanisch, was mich besonders freut. Nun geht es über den Wiesner Viadukt, parallel mit der Rhätischen Bahn.
In Filisur (Km 30) laufe ich nach 2:53h ein. Hier nehme ich mir genügend Zeit für die Verpflegung. Jetzt fängt das Rennen richtig an. Kurz nach Filisur merke ich, dass ich nicht mehr so frisch bin. Ich breche fast völlig ein, bekomme Magenkrämpfe, Seitenstechen, Rückenschmerzen, alles auf einmal. Und bei Kilometer 35 wartet auch noch eine saftige Steigung auf uns. Dieser Zustand hält kurz bis Bergün an (Km 40). Ich befasse mich schon mit dem Gedanken, das Rennen in Bergün abzubrechen. In diesem Zustand erreiche ich nie die Keschhütte, geschweige denn Davos. Doch ein paar hundert Meter vor Bergün verschwinden die Beschwerden und ich komme wieder zu Kräften. Ich erreiche Bergün nach 4:22h und habe bereits einen Marathon in den Beinen. Normalerweise wäre nun Schluss. Hier warten Bettina und Adriana auf mich und ich bekomme 2 Energy-Gels für den Rest der Strecke. Ciril ist bereits vor einer halben Stunde hier eingetroffen. Ich verpflege mich richtig und fasse neue Kräfte für den Rest der 40 Kilometer. Hier in Bergün ist der Start des K42. Dieser wurde dieses Jahr in zwei Startblöcken aufgeteilt, der erste Start erfolgte um 10:30 Uhr, der nächste um 11:30 Uhr, d.h. in 10 Minuten.
Nun geht es durch die Val Tuors Richtung Chants, mehr oder weniger nur aufwärts. Ich fühle mich immer noch nicht so gut. Meine Beine sind richtig schwer und ich muss auf den flacheren Abschnitten viele Läufer ziehen lassen, vor allem viele K42 Läufer. Plötzlich spüre ich auch Schmerzen im unteren Schienbein, an beiden Seiten. Nach dem Zermatt-Ultramarathon hatte ich in diesem Bereich eine leichte Entzündung eingeholt, die jedoch nach 3 Tagen komplett verschwand. Nun schmerzt es bei jedem Schritt. Die Fusssohlen fangen auch an zu brennen. Immer wieder kommt mir der Gedanke ob ich mir zu viel zugemutet habe. Nach Chants (Km 47) wird es so richtig steil, hier rennt keiner mehr. Das Wetter verschlechtert sich auch langsam und leichter Regen setzt ein. Kurz vor der Keschhütte scheint die Sonne nochmals. Nach 53 Km ist die Keschhütte erreicht. Hier fragt ein Arzt wie es einem geht. Nach einem künstlich aufgesetzten Lächeln geht es weiter. Es ist wieder Zeit für die Verpflegung. Ich trinke Boullion und esse eine Banane und ein Alpinbrötli, doch meinem Magen gefällt das gar nicht. Ich habe ein Déjà-vu. Vor 3 Wochen am Zermatt-Ultramarathon hatte ich genau die gleichen Probleme. Nur knapp muss ich mich nicht übergeben. Nach 2 Minuten geht es einigermassen, ich schnappe mir einen orangen Regenschutz, welcher hier vom Veranstalter verteilt wird. Es ist relativ kühl hier und ein Blick ins Tal lässt nichts Gutes vermuten.
Nun müssen erstmals 200 Meter abwärts überwunden werden, nach diesem Aufstieg tut diese Abwechslung den Beinen gut. Ich fühle mich auch ein bisschen besser, meine Beine sind nicht mehr so schwer. Dafür spüre ich die Entzündung am unteren Schienbein umso mehr, vor allem bei Geländewechsel. Die 200 Meter abwärts sind schnell überwunden und es geht wieder aufwärts. Kräftiger Regen setzt ein, zum Glück habe ich den Regenschutz geschnappt. Dieser hält mich wunderbar trocken. Der Wind bläst einem um die Ohren und es wird richtig unangenehm, meine Finger sind ganz rot von der Kälte. Gemäss Wettervorhersage sollte es mehr oder weniger trocken bleiben, daher habe ich keine Regenjacke eingepackt. Auch bin ich mit den Strassenschuhen unterwegs. Tja, selber schuld. Als Bergler sollte ich eigentlich wissen, dass eine Regenjacke bei solchen Ausflügen immer dazugehört. Trotzdem geht es mir sehr gut auf diesem Teilstück. Hinauf zum Sertigpass kann ich viele Läufer überholen. Mir tun einige Läufer richtig leid, diese sind recht unterkühlt. Nach Km 58 erreiche ich den Sertigpass, wo wieder verpflegt werden kann. Ein grosses Kompliment an alle Helfer, die hier oben in dieser Schafskälte ausharren müssen. Hier ist nun endgültig der höchste Punkt erreicht mit 2739 M.ü.M. Nach der Verpflegung und den üblichen Magenproblemen geht es steil hinunter nach Sertig Dörfli. Der erste Teil des Abstiegs ist sehr anspruchsvoll, es müssen rutschige Felsblöcke und kleine Bäche überwunden werden. In diesem steilen Gelände merke ich zum ersten Mal so richtig meine Oberschenkel und natürlich auch die Entzündung. Ich muss einige Läufer ziehen lassen. Doch nun wird es weniger steil und ich finde meinen Rhythmus und kann einige Läufer überholen. Abgesehen von meiner Entzündung geht es mir den Umständen entsprechend gut. Vor den letzten 20 Kilometer hatte ich vor dem Rennen am meisten Respekt, da ich abwärts immer viel Zeit einbüsse. Nach Km 65 erreichen wir Sertig Dörfli, die nächste Verpflegungsstation. Ich esse dieses Mal nur eine Banane und mein Magen reklamiert einmal nicht.
Wer jetzt denkt, dass es bis Davos nur noch abwärts verläuft, der hat sich getäuscht (wie ich auch). Schaut man jedoch das Profil vom Veranstalter an, so sieht es auch danach aus, siehe hier. Generell ist dieses Profil sehr grob gehalten. Es geht hier auf einem Trail durch den Wald, wo einen immer fiese Gegensteigungen erwarten. Auch die Kilometerangaben kommen mir merkwürdig vor. Leider hat meine GPS-Uhr schon lange kein Akku mehr. Bei Km 72 erreichen wir Clavadel, die letzte Verpflegungsstation. Nur noch 7 Kilometer denke ich mir, doch mein Körper will nicht mehr. Die kurzen Gegensteigungen rauben mir die letzten Kräfte. Jetzt ist Kopfarbeit angesagt, ich laufe nur noch auf Reserven. Bei Km 75 sehe ich Davos und höre den Stadion Speaker. Nun weiss ich, dass es bald geschafft ist. Unten im Tal angekommen laufen wir noch die letzte Runde durch Davos und schon geht es ins Zielgelände vor dem Eisstadion. Die Zuschauer jubeln einem zu und ich merke langsam was ich hier geleistet habe. Wir haben nun 17:45 Uhr und ich bin nun seit 10:43h unterwegs, verrückt... Die Schmerzen werden von den Glücksgefühlen und Emotionen verdrängt und ich laufe über die Ziellinie. Gänsehaut pur...
Im Zielbereich treffe ich Ciril, welcher mit einer fantastischen Zeit von 9:12h finishte.
Was habe ich auch heute gelitten. Nicht die letzten Kilometer waren die schlimmsten, sondern Km 30-50, von Filisur bis Keschhütte. Umso stolzer bin ich es geschafft zu haben, da ich sehr kurz davor war das Rennen in Bergün aufzugeben. Dass ich die letzten 20 Kilometer so gut meistern würde hätte ich nie gedacht. Die Zeit spielte ab der zweiten Rennhälfte keine grosse Rolle mehr, ich wollte nur noch finishen. Mein Ziel war es unter 10h zu laufen. Bereits in Bergün wusste ich, dass ich das nicht schaffen würde. Allerdings ist die diesjährige Route über den Sertigpass um einiges anspruchsvoller und härter. Der Sieger, Jonas Buud blieb um 20 Minuten über seiner letztjährigen Zeit. Das schlechte Wetter machte es heute auch nicht einfacher. Ich werde 543. von insgesamt etwa 1200 Läufer mit einer Zeit von 10:43:46.
Am nächsten Tag machte mir die Entzündung recht zu schaffen. Ich konnte kaum laufen. Die Oberschenkel taten natürlich auch weh, nicht verwunderlich nach diesen Strapazen.
Glücklicherweise wurde es anschliessend von Tag zu Tag besser, und bereits nach einer Woche konnte ich wieder joggen. Inzwischen habe ich den Leid und die Schmerzen vergessen und plane bereits die nächste Teilnahme.
Ein grosses Dankeschön an Andrea Tuffli, seinem Team und natürlich allen freiwilligen Helfern für den tollen Einsatz.
Davos, I’ll come back…










